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Tatsachenbehauptungen ohne Tatsachen

Was genau ist eigentlich aus unserem Alltagsjournalismus geworden? Ja, ich nutze bewusst dieses Wort, denn ich meine damit nicht die respektablen Ergüsse jener Edelfedern, die sich einige gute Redaktionen heute noch, wie gute Zuchtbullen halten.

Photodune / Ollyi

Was genau ist eigentlich aus unserem Alltagsjournalismus geworden? Ja, ich nutze bewusst dieses Wort, denn ich meine damit nicht die respektablen Ergüsse jener Edelfedern, die sich einige gute Redaktionen heute noch, wie gute Zuchtbullen halten. Ich meine den Allerweltsjournalismus, der längst zu einem boulevardeskem Wischiwaschi-Blabla geworden ist. Immer wieder berichten große, bekannte Titel über Sachverhalte, ohne diese sauber, nach klassischen Maßstäben zu überprüfen. Hier wird abgeschrieben, kopiert, jede Behauptung gerne mal als Tatsache übernommen – Hauptsache die potenzielle Reichweite einer möglichst skandalösen Headline ist maximal hoch.

Oftmals reicht ein einzelner Tweet von irgendeiner Person am anderen Ende der Welt aus, damit zahlreiche Medien mit Tatsachenbehauptungen loslegen. Erst heute geisterte so die Meldung durch die Medien, dass WhatsApp die viel kritisierte Lesebestätigung wieder zurückziehen wird – diese Aussage geht sogar weit über die Behauptung der in diesem Zusammenhang einzigen verfügbaren Quelle hinaus. Aber wer möchte schon hören, dass WhatsApp eventuell eine Option einführen könnte, die eine Deaktivierung der Lesebestätigung ermöglicht – versteht doch keiner und ist ja auch keine gesicherte Information.

Einen ähnliche Geschichte zeigte kürzlich Boris Rosenkranz in seinem Artikel „Dumme Nüsse“ auf. Hier geht es um die von unzähligen, zumeist auch respektablen Medien erfundene „Nutella-Krise“ in Folge einer eventuell schlechteren Haselnuss-Ernte. Verschiedenste Medien befürchteten hier einen Anstieg der Preise des beliebten Brotaufstrichs – wobei es sich in den meisten Fällen eher um einen Tatsachenbericht als um eine Befürchtung handelte. Eine valide Grundlage für diese Behauptungen gab es natürlich nicht.

Auch ein schönes Beispiel ist die beeindruckend unprofessionelle Berichterstattung rund um das US-Startup Uber, das in Deutschland immer wieder einmal rechtliche Probleme bekommen hat. Medien titelten hier immer wieder, dass der Chauffeur-Dienst in ganz Deutschland gerichtlich verboten wurde. Diese Aussage war natürlich zu keinem Zeitpunkt richtig und erst recht nicht journalistisch vertretbar. Mit minimalem journalistischen Aufwand hätte man hier sauberer arbeiten können – aber dann wäre die Headline natürlich nicht so spannend gewesen.

Ein weiterer, wenn auch etwas anders gelagerter Fall ist auch der redaktionelle Umgang mit Christian Wulff für den sich bis heute zahlreiche Journalisten schämen sollten. Der Rechtsgrundsatz der Unschuldsvermutung wurde in dieser Sache journalistisch mit Füßen getreten. Der ehemalige Bundespräsident war vorverurteilt, bevor sich überhaupt ein Gericht mit dem Sachverhalt beschäftigen konnte. Am Ende stellte sich heraus, dass all die gegen ihn laut gewordenen Behauptungen rechtlich nicht zu verurteilen sind. Entschuldigt haben sich bei Wulff bisher wohl nur die wenigsten seiner redaktionellen Ankläger.

Ich frage mich langsam tatsächlich, was sich all diese Medien bei dieser dilettantischen Arbeit denken. Gibt es denn in den großen Redaktionen tatsächlich niemanden mehr, der im Alltag wirklich Wert auf ordentliche Recherche legt? Beschäftigt sich niemand mehr mit dem Sachverhalt, wenn irgendjemand schon eine reißerische Headline darüber veröffentlicht hat, die man mehr oder weniger übernehmen kann?

Ich hoffe immer noch, dass das alles Einzelfälle sind. Den Glauben an Journalismus – und zwar auch im Rahmen der alltäglichen Berichterstattung – habe ich noch nicht ganz verloren. Liebe Redaktionen, bitte gebt Euch endlich wieder mehr Mühe!


Fotoquelle: Photodune / Ollyi

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.

Review overview
  • Journalist

    Leider nicht nur in der Wortwahl unangemessen, sondern auch noch sachlich falsch. Zur Abgrenzung von Uber Black und Taxidiensten bestehen klare Rechtsnormen und eine einstweilige Verfügung des LG Berlin (AZ 15 O 43/14), die nur leider aus Angst vor der Übermacht der Google-Anwälte nicht vollstreckt wird. Uber Black muss man deshalb nicht mehr verbieten.

    Dass der Autor gemäss selbst dargestellter Vita noch nie in einem substantiellen Medium professionell auf Vertragsbasis journalistisch tätig war, macht vielleicht den Grundton des „Artikels“ mit „Zuchtbullen“ und „Wischiwaschi-Blabla“ erklärbar. Es ist ja nicht SEINE Zunft.