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Wir schimpfen über das Netz, bevor wir es verstanden haben…

Jaron Lanier ist der wohl populärste Kopf unter den Mahnern der digitalen Welt. Er war einst selbst Tech-Pionier und zeigt heute in vielerlei Form die Gefahren des Internets und seiner Technologien auf. Seine Thesen stoßen

Photodune / Ollyi

Jaron Lanier ist der wohl populärste Kopf unter den Mahnern der digitalen Welt. Er war einst selbst Tech-Pionier und zeigt heute in vielerlei Form die Gefahren des Internets und seiner Technologien auf. Seine Thesen stoßen durchaus auf geteilte Meinungen. In einigen Punkten hat er sicher Recht, doch in der Gänze seiner Kritik würde ich ihm keinesfalls zustimmen. Am Wochenende hat er nun unter großer Aufmerksamkeit den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht darüber diskutieren, in welchen Punkten er richtig und in welchen er falsch liegt. In unserer gegenwärtigen Situation ist es viel wichtiger, dass wir überhaupt erst einmal verstehen, wovon er überhaupt spricht.

Blickt man auf aktuelle Statistiken, können allerhöchstens fünf Prozent der deutschen Bundesbürger überhaupt verstehen, worauf die von Lanier kritisierten Technologien überhaupt basieren. Die Mehrheit der Deutschen kennt sich mit dem Internet immer noch nicht aus. Im EU-Vergleich liegen wir damit weit abgeschlagen auf dem 27. Platz und damit fast ganz am Ende des Rankings. Geht es um digitale Medien sind wir also höchstens in der Vorschule und damit noch weit von einem Universitätsabschluss entfernt.

Gleichzeitig ist die Kritik rund um das Internet in Deutschland wohl lauter als in den meisten anderen Ländern. Wir kritisieren Google und Facebook, sind empört, wenn Apple unsere Daten speichert, können mit Cloud-Diensten auch nicht wirklich etwas anfangen und wissen dabei eigentlich gar nicht wovon wir sprechen. Wir kritisieren das Unbekannte und fürchten uns dabei vor Technologien, die wir immer noch nicht verstanden haben. Frei nach dem Motto: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“

Vor einigen Monaten sprach Angela Merkel davon, dass das Internet immer noch Neuland ist. Das klang damals vor allem amüsant und war mit dem Blick aus der eigenen Filter-Bubble heraus geradezu lächerlich. Mit Blick auf die Zahlen von Eurostat muss man Merkel im Rückblick aber zweifelsfrei zustimmen. Die mangelhafte Internet-Kompetenz der Deutschen ist traurige und zugleich schockierende Wahrheit.

Wenn wir im internationalen Vergleich nicht den Anschluss verlieren möchten – sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich – muss sich an diesem untragbaren Zustand dringend etwas ändern. Deutschland stand einst für Innovation und Technologie, doch der Blick auf die Zahlen zeichnet ein armseliges Bild. Kritisieren konnten wir hierzulande schon immer alles gut – da passt es nur ins Bild, dass wir dem größten Netzkritiker einen Preis verleihen.

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.

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  • http://maelroth.com Maël Roth

    Ich kann dir nur recht geben. Ich habe ja in gewisser Weise einen Blick als aussenstehender und finde es eschreckend, wie in Deutschland zum Thema Internet und Digitalisierung oftmals reagiert wird. Ich habe letztes Jahr auf dem französischen Markt gearbeitet (und bin ja auch dort aufgewachsen) und sehe eine immense Kluft alleine zwischen den beiden Ländern…