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Interview: Stefan Plöchinger über Journalismus

Wie steht es um den Journalismus in Deutschland? Rund um diese Frage hat Stefan Plöchinger, Mitglied der Chefredaktion für digitale Projekte bei der Süddeutschen Zeitung, uns ein Interview gegeben. Wir haben ihn dabei mit all

Wie steht es um den Journalismus in Deutschland? Rund um diese Frage hat Stefan Plöchinger, Mitglied der Chefredaktion für digitale Projekte bei der Süddeutschen Zeitung, uns ein Interview gegeben. Wir haben ihn dabei mit all den vielen gegenwärtig kursierenden Vorurteilen konfrontiert, die ein verheerendes Bild zu zeichnen versuchen. Geht es nach Plöchinger, sieht es gar nicht so schlimm aus, wie viele behaupten.

Das Netz ist heute voll von Informationen verschiedenster Autoren. Wir finden zu jedem Thema eine ganze Flut von Artikeln in unterschiedlichsten Medien und in allen erdenklichen Längen – von 140 Zeichen bis hin zur ausführlichen Reportage. Welche Rollen spielen Journalisten im klassischen Sinne in dieser Welt?

Sie sagen es in Ihrer Frage schon: „In unterschiedlichsten Medien“ finden Leser Stoffe von „verschiedensten Autoren“. Da dürften viele Journalisten dabei sein, und die besseren von ihnen werden verstehen, was ihre Aufgabe in der heutigen komplizierten Informationsarchitektur ist: das Weltgeschehen zu dekodieren, übersichtlich zu machen, was chaotisch ist, und aus aus schierer Information Verständnis zu formen.

Viele Blogs sind in den letzten Jahren immer professioneller geworden und steigen in ihre Themen teilweise weitaus tiefer ein, als es ein klassischer Journalist redaktionell abbilden kann. Sollten wir uns langsam von einer strikten Unterscheidung zwischen Bloggern und Journalisten verabschieden? Sind manche Blogger nicht ohnehin selbst schon lange Journalisten, die eine entsprechende Anerkennung – ohne jede Einschränkung – verdienen?

Wer trifft denn diese Unterscheidung noch so hart? Wer publiziert und dabei journalistischen Leitlinien folgt – was viele Blogger tun –, dem gebührt der Respekt unter Kollegen.

Warum wachsen Blogger und Journalisten nicht stärker zusammen, um sich inhaltlich gegenseitig zu befruchten? Das könnte bei bestimmten Themen doch durchaus hilfreich sein, oder nicht?

Ich sehe Ihren Punkt nicht. Klar, manche Medienhäuser versuchen sich immer noch durch eine Abgrenzung gegenüber „diesen Bloggern“ oder „diesem Internet“ zu profilieren – aber nicht so viele, wie gern unterstellt. Machen Sie schon gar nicht den Fehler, zu denken, dass alle Medienhäuser so ticken.

Was muss ein Online-Medium seinen Lesern heute bieten, um für seine Inhalte Geld von seinen Lesern verlangen zu können? Einen Großteil der Informationen könnte man sich theoretisch doch auch selbst im Netz zusammensuchen…

…und die Informationen dann auf welchen Seiten finden? Die substanzielleren Informationen stehen ja nicht einfach losgelöst irgendwie sowieso im Netz, sondern bei Menschen, die man Journalisten nennen darf – zumindest von ihrer publizistischen Haltung her, selbst wenn sie nicht in einem Medienhaus arbeiten. Vermutlich ist das also die Antwort auf Ihre Frage: Wer schlauer werden will, wird im Netz letztlich zu Medienangeboten der verschiedensten Sorten gelangen. Wenn diese Medien die Leute tatsächlich schlauer machen, können sie wohl mit einigem Recht versuchen, für diesen Mehrwert Geld zu verlangen.

Blickt man auf verschiedene Umfragen der letzten Jahre, wird dem Journalismus in Sachen Glaubwürdigkeit kein gutes Zeugnis ausgestellt. Wie konnte es so weit kommen?

Die Umfragen nicht der vergangenen Jahre, sondern der vergangenen Jahrzehnte sind tendenziell schlecht für uns. Die Kommunikationswissenschaft hat das immer wieder untersucht, und natürlich sind das Zerrbild vom sensationsgeilen Boulevardjournalisten und bestimmte Ausfälle der Vergangenheit ein wesentlicher Grund für den schlechten Ruf. Für mich ist das Ansporn, gerade im eher boulevardisierten Online-Journalismus in eine andere Richtung zu denken.

Wie funktioniert guter Journalismus in Online-Redaktionen heute überhaupt noch, wenn es den Herausgebern ständig auch darum gehen muss, die eigenen Aufrufe zu pushen, um sich refinanzieren zu können?

Gut funktioniert er – wenn man erst mal erkannt hat, dass Klickoptimierung nicht mehr ist als eben das: eine Optimierung von Klicks, kein Dienst am Leser. Die etwas schlaueren Nutzer werden darauf letztlich frustriert reagieren, weil sie sich veräppelt fühlen. Wer nachhaltig durch Journalismus wachsen und sich zum Beispiel über ein Bezahlmodell finanzieren will, muss seinen Job dagegen richtig gut machen. Außerdem bin ich überzeugt: Wer seinen Job richtig gut macht, setzt sich am Ende auch in der Reichweite durch.

Können sich Online-Redaktionen die Grundwerte von qualitativ hochwertigem Journalismus in der heutigen Zeit noch leisten?

Wenn sie das nicht tun, sind sie keine Redaktionen mehr, sondern Content-Verwaltungseinheiten. Um es klar zu sagen: Nur Journalismus, der auf Qualität zielt, ist Journalismus. Wer sich eine solche Haltung nicht mehr leisten will, sollte vielleicht aus der IVW-Zählung der Nachrichtenseiten verschwinden. Es gäbe da ein paar Kandidaten, auch weiter vorne.

Weiß unsere Gesellschaft den Wert von Qualitätsjournalismus überhaupt noch ausreichend zu schätzen? Gibt es eine Leserschaft, die bereit ist, dafür auch Geld auszugeben – ganz egal, ob Online oder Print?

Klar. Woher immer dieser Defätismus? „Unsere Gesellschaft“, „die Leserschaft“ – Sie tun, als wäre ganz Deutschland ein Einheitsbrei. Diese Pauschalisierung ist Unsinn. Natürlich gibt es noch heute journalistische Erfolgsgeschichten: Unsere digitalen Abos verkaufen sich schon jetzt super, wie auch bei anderen Titeln; die „Zeit“ ist in Print so erfolgreich, wie es vor einem Jahrzehnt kaum jemand geglaubt hätte, und auch uns geht es nicht schlecht. Natürlich gibt es – gerade auch junge – Leser, denen dieser Journalismus etwas wert ist. Natürlich handelt es sich bei diesen Lesern nicht um alle Menschen in Deutschland, aber das muss es auch nicht. Wie immer geht es darum, dass man seine Zielgruppe erreicht, nicht einfach nur die Masse aller Leute.

Blickt man auf den Erfolg von Buzzfeed, Heftig.co und all den anderen Junkfood-Content-Portalen, könnte man meinen, dass leicht konsumierbare Inhalte heute weitaus besser funktionieren als alles andere im Netz. Können Sie sich dieses Phänomen erklären?

Erstens ist jeder Erfolg relativ. Reden wir über Social Shares, Unique User, Visits oder aber Leseminuten und Erkenntnisgewinn, wenn wir „besser funktionieren“ sagen? Zweitens ist recht leicht zu erklären, wieso Unterhaltungssendungen im Fernsehen bessere Quoten haben als TV-Nachrichten. Das beschriebene Phänomen im Netz begründet sich nicht anders. Na und, was heißt das für den Journalismus schon? Drittens, noch mal: Als Journalist ist man im Zweifelsfall im Klassen-, nicht im Massengeschäft. Und der Massenerfolg mancher Portale bedeutet längst nicht den Misserfolg von Journalismus, wie ich ihn will. Viertens: Früher haben die Leute die SZ und die AZ zugleich gelesen. Heute liest einer SZ.de und Buzzfeed zugleich, ohne dass die Welt untergeht. Kann sein, dass viele Menschen Buzzfeed lesen, die nicht SZ.de lesen, und umgekehrt – aber was heißt das schon? Dass die Welt bunter ist, als verengte Debatten nahelegen, und der Erfolg von Buzzfeed nichts für unser Geschäftsmodell bedeuten muss, weil wir in einem anderen Sektor unterwegs sind.

Wie würde sich unsere Gesellschaft entwickeln, wenn es keine Journalisten mehr geben würde? Welche Informationen würden wir wahrnehmen?

Ich will mir das nicht vorstellen, weil ich nicht in einem Staat der Desinformation leben will. Das wäre am Ende keine Demokratie mehr. Journalisten leben dafür, Desinformation zu verhindern und aus Informationschaos Informationserkenntnis zu machen. Ich bin mir sicher, dass sie gebraucht werden, dass es sie geben wird, selbst wenn sie irgendwann anders genannt werden. Das Internet ist auf seine Weise ein Garant dafür. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich mir eine solche Welt nicht vorstellen muss.

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.

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