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Zeit für etwas mehr Freundlichkeit

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Zeit ohne digitale Medien, ohne Internet, ohne Facebook oder Twitter. Eines Morgens schlagen Sie die Tageszeitung auf und entdecken einen Artikel, der die persönliche Meinung eines Redakteurs

Photodune / Ollyi

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Zeit ohne digitale Medien, ohne Internet, ohne Facebook oder Twitter. Eines Morgens schlagen Sie die Tageszeitung auf und entdecken einen Artikel, der die persönliche Meinung eines Redakteurs abbildet und diese entspricht absolut nicht Ihren Ansichten. Kämen Sie auf die Idee, in Ihr Auto zu steigen, zum Verlagshaus zu fahren, um dort mit einem Megaphon lautstark und öffentlich auf dem Platz vor dem Gebäude Ihr Missfallen auszudrücken und dabei den Redakteur persönlich zu beleidigen? Wohl eher nicht. Der Aufwand wäre zu groß, die Meinung des Redakteurs zu irrelevant, um sich darüber ernsthaft den Kopf zu zerbrechen.

In der Zeit digitaler Medien, also der Gegenwart, scheint sich das aber grundsätzlich gewandelt zu haben. Heutzutage kann ein Jeder seine Meinung öffentlich über soziale Netzwerke, wie Facebook oder Twitter verbreiten und auf die Meinung anderer reagieren. Stimmt die eigene Meinung mit der des Anderen nicht überein, fühlen sich viele von uns persönlich angegriffen und vergreifen sich gerne einmal in ihrem Ton und ihrer Wortwahl. Es herrscht ein regelrechter Meinungskrieg, bei dem die Ansichten anderer Menschen immer erst mit der eigenen abgeglichen und bei Missfallen bekämpft werden müssen. Woran liegt das? Warum haben wir keinen Respekt mehr für die Meinung unserer Mitmenschen, wenn diese nicht unserer eigenen Meinung entspricht? Lassen Sie uns die Antwort in der Vergangenheit suchen!

Die Kommunikationsmöglichkeiten der Menschheit haben sich in den vergangenen 50 Jahren grundsätzlich verändert und weiterentwickelt. Technologien, die damals noch Bestandteile in Science-Fiction-Filmen oder -Serien waren, sind heute nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ zeigte in den 1960er-Jahren zum Beispiel die Urversion des iPads und Captain Kirk führte in „Star Trek“ mit dem Communicator den Vorläufer unserer heutigen Mobiltelefone vor – an die Worte „Beam me up, Scotty!“ können wir uns wohl alle erinnern. Bis Mitte der 1990er-Jahre beschränkte sich die Kommunikation der Menschheit vorrangig auf direkte Kontakte, deren Verbindung im realen Leben, also offline, entstand.

Heute sind wir über soziale Netzwerke und andere digitale Medien fast ununterbrochen mit der ganzen Welt vernetzt. Wir können uns persönlich unbekannte Menschen nach ihrer Meinung fragen, die sich am anderen Ende der Welt befinden, wir können Waren in Shops auf allen Kontinenten des Planeten bestellen oder uns die Online-Ausgabe einer Zeitung aus Australien herunterladen. Noch nie zuvor war die Menschheit derart gut vernetzt, noch nie zuvor war der Gedanke von Globalisierung so real.

All diese Technologien geben uns das Gefühl von Nähe. Wir verlieren dadurch jegliche Distanz und glauben, mit jedem Menschen auf Augenhöhe sprechen zu können – ganz egal, ob wir diesen offline oder nur virtuell kennen. Das birgt großartige Möglichkeiten, aber mindestens auch ebenso große Gefahren für unser aller Miteinander.

Beobachtet man Diskussionen in sozialen Netzwerken oder auf verschiedenen anderen Online-Portalen, wirken diese oft unglaublich emotional. Es wirkt, als fühlt sich auf einmal jeder von der Meinung anderer Menschen angegriffen – ganz egal, wie gut er diese Person kennt. Die Tonalität von Diskussionen in diesen Kanälen scheint dauerhaft erhitzt, immer darauf wartend, dass ein ausreichend erscheinender Anlass für Aufregung erscheint. Kritische Reaktionen auf Meinungen sind dabei nur selten sachlich, sondern werden meist sogar persönlich beleidigend kommentiert.

Wie kann es sein, dass viele von uns im Netz ihre Erziehung zu vergessen scheinen? Warum können wir Meinungen nicht respektieren, wenn sie online geäußert wird? Beleidigungen, persönliche Kritik oder sonstige Verfehlungen helfen niemandem weiter. Sie sind vielmehr ein Armutszeugnis unserer digitalen Gesellschaft – eines, das uns allen am Ende schaden wird.

Dieser Kommentar soll als Aufruf zu mehr Freundlichkeit und Respekt im Netz verstanden werden. Ganz egal, ob virtuell oder offline: Die Meinung anderer Menschen ist grundsätzlich zu respektieren und bei Bedarf sachlich zu kommentieren oder diskutieren.

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.

Review overview
  • wiesenschaf

    Wie man in den Wald blökt… ähhh bloggt…..