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#SNMUC – Eine Bar voller Geheimnisse

Die hölzerne Flügeltür steht weit offen und gewährt einen Blick in einen düsteren Raum, der nur durch das spärliche orange-rote Licht weniger Glühbirnen über Theken und Sitzecken erhellt wird. Aber Uschi Obermaier ist, barbusig und

Die hölzerne Flügeltür steht weit offen und gewährt einen Blick in einen düsteren Raum, der nur durch das spärliche orange-rote Licht weniger Glühbirnen über Theken und Sitzecken erhellt wird. Aber Uschi Obermaier ist, barbusig und in Schwarz-Weiß, gut und überall im Raum zu erkennen. Der metallische Geruch langer Partynächte – kalter Zigarettenrauch, schales Bier und Schweiß – schlägt einem schon draußen vor der Tür mit voller Wucht entgegen. Es ist kurz nach 18 Uhr und die ersten Gäste kommen: Grau-meliertes Haar, Nadelstreifensakko, auf Hochglanz polierte, braune Lederschuhe. Männer in den Vierzigern und Fünfzigern kaufen sich Bier in Flaschen und öffnen ihre Notebooks.

#SNMUC heißt die Veranstaltung, die heute zum 10. Mal stattfindet. Und ihr Initiator, Daniel Fürg, hat wie gewohnt in ein bekanntes Münchener Party-Lokal geladen: Die 089 Bar im Zentrum der Stadt ist, gleich neben der Nobeldisko Pacha gelegen, heute Gastgeber der Networking-Veranstaltung von Social Secrets.

Fast eine Stunde ist vergangen, seit die ersten Getränke verkauft wurden, junge Frauen in Blümchenblusen und Turnschuhen gesellen sich zu den älteren männlichen Anwesenden, man grüßt sich, bleibt ansonsten aber unter sich. Lichtsplitter flirren durch den Raum – die tanzenden Diskokugeln und die chillige Lounge-Musik unterstreichen die Lässigkeit der Rauchenden und Fachsimpelnden draußen vor der Tür. Wäre da nicht die riesige Leinwand mitten auf der Tanzfläche, man käme auf die Idee, dass hier in lauer Frühsommernacht nur eine weitere Party stattfinden würde. „Wissen sie, was für eine Veranstaltung das hier ist?“, fragt die zierliche blonde Barkeeperin mit dem perfekt gezogenen Lidstrich, bevor sie hastig ihre Zigarette ausdrückt und wieder in die Bar stürmt, um palettenweise Red-Bull-Dosen entgegenzunehmen. Das Personal schleppt weiter Barhocker, Bistro-Tische und Getränkekisten, schlurft in Turnschuhen und Shorts durch Grüppchen von Business-Typen im weißen Hemd und mit Mobile Device. Ein BMW-Cabriolet in knalligem Orange stoppt kurz vor der Bar, die zwei braungebrannten Männer darin, deren Haargel das Sonnenlicht reflektiert, schauen sich um und geben wieder Gas. Die meisten der eingetrudelten Frauen sind kaum geschminkt, in Jeans gekleidet und stehen mit großen Henkeltaschen und ihrem Begrüßungsgetränk, einem Campari-Spritz, im Eingangsbereich herum. Man gibt Küsschen, lernt sich kennen („Und was machst du so?“) und berichtet über die neuesten Twitter Charts und eine unlängst stattgefundene Social-Media-Konferenz.

„Ich wähle bewusst Bars und Clubs als Locations für die #SNMUC-Veranstaltungen“, sagt Daniel Fürg. „Denn wo lernt man schneller und einfacher Leute kennen als bei einem Bier?“ Was als Experiment begann, wurde schnell zu einem in der Social-Media-Szene weit bekanntem und geschätztem Event. „Ursprünglich wollten wir die Leser unseres Blogs an einen Tisch holen. Wir hatten damals für 20 Leute in der Niederlassung1 reserviert. Es kamen an die Hundert und die Idee dieses Events war geboren.“ Während die ersten Treffen als form- und zwanglose Zusammenkünfte Interessierter und Macher aus der digitalen Szene aufgezogen waren, geht Daniel Fürg die neueren Treffen anders, strategischer an: „Der Spaß-Faktor steht aber immer mit an erster Stelle. Neben Networking und Impulsvorträgen zu Themen aus dem Digital-Bereich, ist es mir sehr wichtig, dass die Leute Spaß haben und, wenn sie wollen, die ganze Nacht weiter feiern. Deswegen kooperieren wir auch seit Kurzem mit einem Münchener Veranstalter für After-Work-Partys. Wenn die Vorträge vorbei sind und die Leute, die nur wegen den Vorträgen gekommen sind, weggehen, dann kommen die After-Workler dazu und es entsteht kein Loch. Man feiert einfach weiter. Aber eben mit anderen Leuten.“

Daniel Fürg ist es dann auch, der das Mikro in die Hand nimmt und die erste Rednerin dieses Abends vorstellt: Annabelle Atchison, Director der internationalen PR und Social Media Agentur „33 Digital“. Gleich zu Beginn ihrer Präsentation fordert sie auf, unter dem Hashtag #gehtgarnicht „laut zu twittern, wenn ihr nicht mit dem Gesagtem einverstanden seid.“ Um dann temporeich und mit vielen Beispielen über die Kommunikation im Social Web zu sprechen. Über kopierte Ideen, gescheiterte Aktionen auch großer Marken wie Microsoft und Postings, die ihrer Meinung nach entweder von „schlechten Manieren oder Einfallslosigkeit“ zeugen oder beidem. Sie kritisiert die Praktiken vieler Community und Social Media Manager, die zum Beispiel Trending Topics oder aufmerksamkeitsstarke Themen wie Katastrophen für ihre Zwecke (Klicks!) missbrauchen. Die Zuhörer sitzen und stehen still. Nicht ein #gehtgarnicht-Tweet läuft durch die Twitter Streams. Annabelle Atchison, die das Social Web als „ganz normale Extension des Lebens“ und in dem Zuge „das Auftreten mit Klarnamen überall im Web“ proklamiert, erhält Applaus am Ende ihres Vortrages.

„Ich habe ein extra Postfach mit Speaker-Anfragen“, sagt Daniel Fürg mit einem breiten Lächeln im Gesicht nach der Veranstaltung. „Das sind so viele, dass ich eigentlich immer Leute für Vorträge habe und gut auswählen kann. Ich schaue immer, dass ein allgemeineres Thema dabei ist und dann natürlich was Aktuelles. Yahoo, dachte ich, wäre gar nicht so schlecht heute, die haben in letzter Zeit ja viele neue Apps herausgebracht.“ Steffen Hopf ist Managing Director & Country Commercial Director bei Yahoo Deutschland und heute Abend der zweite Speaker. Noch während er vor die Leinwand tritt, verlassen die ersten Leute die Bar.

Besteck klappert, es riecht nach warmem italienischem Essen. Mit Brot und grünem Salat und Käsemakkaroni vollgetürmte Teller werden zurück an die Plätze getragen. Zigarettenrauch und Gelächter ziehen von der Terrasse in die Bar herein und Steffen Hopf ist auf der zweiten Folie mit statistischen Angaben dazu, wie viele Deutsche ein mobiles Endgerät besitzen. „Mobile First“ als neue strategische Ausrichtung bei Yahoo ist das Thema, das von vielen als Essens- und Zigarettenpause genutzt wird. Auf der Terrasse stehen nun mehr Leute als in der Bar, die After-Work-Party im Pascha hat begonnen. Das Publikum vermischt sich, das Bier fließt. Mit den Mädels in knappen schwarzen Outfits ist auch das Partyfeeling eingekehrt am Maximilianplatz Nummer 5. Der Altersdurchschnitt liegt nun bei um die 25 und man hört weniger Stimmen über digitale als über zwischenmenschliche Kommunikation: „Ich arbeite im Controlling und komme regelmäßig her. Ich will Männer kennenlernen und das klappt hier ganz gut. Man wird auch immer besser im Ansprechen von anderen.“ Die Business-Veranstaltung wird zum Netzwerkvergnügen der anderen Art.

„Wir planen eine Konferenz für nächstes Jahr hier in München. Nicht das Übliche, was man so gewohnt ist. Bei uns wird’s keine Reihenbestuhlung geben und den immer gleichen Sascha-Lobo-Vortrag, wie nett das Internet dann doch sei. Wir werden Sitzsäcke im Raum verteilen und zwischen den Vorträgen lange Pausen machen, damit sich die Leute gut austauschen und in der Grillecke kennenlernen können.“ Daniel Fürg hat große Pläne für seine Events. Echter Content, Mehrwert, keine Nabelschau der Unternehmen, „die berichten, was sie alles und ach so toll machen.“ Sondern „Hintergünde, deren Learnings und How-tos.“ Neben den größeren Networking-Veranstaltungen à la #SNMUC sind auch kleinere, Special Interest Events geplant, wie zum Beispiel ein Diskussionsabend mit dem Schwerpunkt auf Politik, und die Ausweitung auf andere Großstädte. „Am 25. Oktober sind wir mit #SNLON in London, am 29. Oktober mit #SNHAM in Hamburg und ab November wird es mit #SNBER dann auch eine Veranstaltung in Berlin geben“ verrät Daniel Fürg dann noch am Ende der Vorträge.

Echte Hintergründe und Qualität hat sich auch Alexander von Streit, Mitbegründer der Krautreporter und heimlicher Höhepunkt dieses Abends, auf die virtuelle Fahne geschrieben. Er stellt das gleichnamige Crowdfunding-Projekt im dritten und letzten Vortrag dieses Abends vor, bei dem 28 Journalisten die Öffentlichkeit, den Leser im Speziellen, um finanzielle Unterstützung bitten, um zukünftig wieder wahre, gut recherchierte und professionell aufbereitete Inhalte – unabhängig von Reichweite-Vorgaben – bieten zu können. Viele der Gäste haben zurück in die Bar gefunden und lauschen seinen Worten. „Alex hat eine Familie zu ernähren, aber trotzdem seinen Job gekündigt, um das Projekt machen zu können“, hört man von einer hochgewachsenen Frau mit Modeschmuck um den Hals und Zigarette in der Hand. „Es wäre eine Schande, wenn das Projekt scheitert!“, bringt ein paar Meter weiter ein Mann mit grün-gelber Kunststoffbrille und britischem Akzent gut vernehmlich hervor. „In Großbritannien kümmert das niemanden, die denken noch nicht mal über Netzneutralität und so was nach. Aber hier!?“ Unter den Teilnehmern des Abends, unter denen sich unter anderem Mitarbeiter von den Stadtwerken München, SIXT, Sky Deutschland, BMW, Adobe und Amazon neben PR-Beratern, Journalisten und Agenturchefs finden, führt das Thema Qualitätsjournalismus im Internet zu vielen Diskussionen, die oft mit ratlosen und entschuldigenden Blicken und Gesten abrupt enden. „Wenn selbst bei uns, einem großen und etablierten Nachrichtenmagazin wie Focus Online, 70 % aller Beiträge von Praktikanten umgeschriebene Agenturmeldungen sind und keiner was dagegen unternimmt, was soll das denn werden? Was sollen wir denn da tun?“, hört man eine Frau mit gesenkter Stimme in die Runde fragen, um sich gleich darauf dem Küsschen-Verteilen zum Abschied zu widmen.

„Ich habe mit 16 das Gymnasium geschmissen, weil ich wusste, das hat nichts mit dem zu tun, was ich machen möchte. Mit 15 hab ich mein erstes Online-Portal gegründet.“ Daniel Fürg, der viele seiner Kontakte dem „Um-die-Häuser-Ziehen mit Freunden“ verdankt, sieht man immer im Gespräch, er ist nie allein. Ab und an gehen Leute auf den jungen Mann mit Drei-Tage-Bart und kariertem Sakko zu, schütteln ihm die Hand, bedanken sich. Daniel Fürg will dafür sorgen, dass Wissen und Erkenntnisse der Digital Natives und Digital Immigrants keine Geheimnisse bleiben, sondern branchenübergreifend und in „Samstag-Abend-Atmosphäre“ weitergetragen werden. Und der Erfolg seiner Social-Secrets-Events scheint ihn in seinen Entscheidungen und Plänen zu bestätigen.

Für seine Gäste an diesem Abend geht diese Rechnung jedenfalls auf: „Ich komme her, um mich mit Freunden zu treffen. Also Leute, die ich hier kennengelernt habe.“, sagt eine junge Frau, die sich als Mitarbeiterin einer Social-Media-Agentur vorstellt. Und Michael Firnkes, Blogger und Autor zu den Themen Corporate Blogs, Blog und Content Marketing, sagt zwischen den Vorträgen: „Die besten Leute lernt man an der Bar kennen. Wer bis zum Schluss mit einem sitzen bleibt, mit dem kann man. Nicht das ganze Visitenkarten-Tauschen und dann bekommt man am nächsten Tag nur Spam-Mails!“

Ob es die „Social Secrets“, die Geheimnisse des Social Webs und der Internettechnologien, am Ende des Abends geschafft haben, aus den Filter-Bubbles der Social-Media-Experten herauszukommen und ins Bewusstsein auch der Menschen zu gelangen, die nichts mit Online und Social Media zu tun haben, bleibt eine offene Frage. Man möchte es aber gerne glauben, auch angesichts des Umstandes, dass das Projekt „Krautreporter“ eine knappe Woche später durch private Mittel (Abonnements) finanziert war.

Juliane Berger arbeitet seit 2007 als freiberufliche Community Managerin. Die studierte Germanistin und zertifizierte Social Media Managerin berät kleine und mittelständische Unternehmen hinsichtlich einer erfolgreichen Online-Kommunikation und der Umsetzung von Social Media Strategien.

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