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Warum wir alle versagt haben und Sascha Lobo recht hat

Man kann von Sascha Lobo halten, was man möchte und auch ich bin nicht immer seiner Meinung. Dem, was er gestern in seiner einstündigen Keynote auf der re:publica 2014 gesagt hat, muss man aber in

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Man kann von Sascha Lobo halten, was man möchte und auch ich bin nicht immer seiner Meinung. Dem, was er gestern in seiner einstündigen Keynote auf der re:publica 2014 gesagt hat, muss man aber in großen Teilen zustimmen. Er hat kritisiert, dass unsere Gesellschaft zu wenig unternimmt, um gegen die von Edward Snowden aufgedeckten Missstände vorzugehen. Denn obwohl sich jeder empört und schockiert zeigt, geschieht viel zu wenig, was wirklich eine Veränderung bewirken könnte.

Das liegt vor allem daran, dass unsere Gesellschaft durch den digitalen Wandel verlernt hat, wie man eine solche Veränderung tatsächlich herbeiführen kann. Wir denken alle, dass wir mit der virtuellen Unterschrift einer Online-Petition schon eine ganze Menge bewirken können, doch das ist ein geradezu erbärmlich naiver Irrglaube. Wenn sich wirklich etwas verändern soll, wenn Politiker wirklich wachgerüttelt werden sollen, muss mehr geschehen als nur ein empörter Tweet oder eine virtuelle Unterschrift.

Die Generationen vor uns wussten, wie das geht. Sie haben derart viel Aufmerksamkeit für ihre Sache erzeugt, dass die Politik gar nicht anders konnte, als darauf zu reagieren. Unsere Eltern sind zu Tausenden auf die Straße gegangen, um gegen Missstände zu demonstrieren. Sie haben Vereine und Netzwerke gegründet, um für eine Sache zu kämpfen und sie waren nicht zuletzt auch bereit, Geld für solche Institutionen zu spenden. Heute verlassen wir uns immer nur darauf, dass jemand anderes etwas unternimmt und wir dann mit möglichst wenig Aufwand auf diesen Zug aufspringen können.

Während unsere Gesellschaft verlernt hat, politische Veränderung und einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, kommen die Skandale, gegen die wir vorgehen sollten, in immer stärkerer Taktung und in zuvor kaum vorstellbaren Ausmaßen. Die Auswirkungen des NSA-Skandals sind derart weitreichend und bedrohen unser aller Freiheit. Und was machen wir? Wir unterschreiben eine Online-Petition, beschweren uns in sozialen Netzwerken und hoffen, dass irgendwo da draussen jemand ist, der wirklich etwas verändern wird. Warum machen wir es nicht selbst? Weil wir feige sind, weil wir nicht negativ auffallen wollen. Wer möchte schon als Querulant gelten, als Aussenseiter, der sich gegen unser Friede-Freude-Eierkuchen-Leben stellt und aufzeigt, dass doch nicht alles so rosig ist, wie wir alle denken.

Hinzu kommt aber auch, dass wir uns mit wichtigen Themen kaum mehr beschäftigen. Wir sind überfordert mit der täglichen Informationsflut und auch mit der Arbeit, die wir zu erledigen müssen. Aus diesem Grund schieben wir all das, was zu einer Belastung werden könnte, schnell aus dem Weg, ohne uns eingehender damit zu beschäftigen. Nicht vergessen darf man dabei auch, dass es einst vor allem Studenten waren, die auf die Straßen gingen, um aktiv gegen Missstände vorzugehen. Wo sind diese Studenten heute? Ganz einfach: Sie haben in der Regel keine Zeit mehr, um sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen, denn sie müssen fast rund um die Uhr lernen, um einen möglichst guten Abschluss für ihre Karriere hinzubekommen. Und abgesehen davon: Wer möchte heute schon seine weiße Weste und damit seinen Lebenslauf durch einen Aktivismus gefährden, der später einmal negative Folgen haben könnte?

Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, wenn wir tatsächlich einen Wandel und ein Umdenken in der Politik herbeiführen möchten, müssen wir aktiv werden – und zwar in einer Form, die für Aufmerksamkeit sorgt. Wir müssen hartnäckig sein und dürfen uns von politischen und diplomatischen Aussagen nicht weichkochen lassen. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir Probleme nicht an uns heranlassen und wir müssen anfangen, uns mit wichtigen Themen intensiv auseinanderzusetzen. Die Zeit dafür müssen wir uns nehmen – sonst ist es irgendwann zu spät und wir sind nur noch Marionetten einer vermeintlich heilen Welt, die unsere Grundrechte hinter den Kulissen mit Füßen tritt, ohne dass wir davon überhaupt etwas mitbekommen.

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.

Review overview
  • avm

    Es ist keine Frage von Versagen oder gar Erbärmlichkeit. Es ist der Spiegel einer Generation, die ohne nennenswerte Konflikte aufgewachsen ist und auch mit ihren Eltern keine wirklichen Reibungspunkte mehr gefunden hat. Jeder heimliche Joint war schon geraucht, jeder Rausch schon dagewesen, jede Punk-Platte schon gehört. Und es ist die erste Generation, die wirklich bwfreit von WW2 aufgewachsen ist, weil auch die Eltern zu jung für reale Erfahrungen aus dieser Zeit sind. „Nie wieder Krieg“ ist zur Floskelvgeworden – jeder nickt, aber kaum einer hat mehr Bezug zu diesen Worten.
    Es ist keine Frage von Zeit: viele junge Menschen sind neben Beruf und Studium und anderem hoch aktiv: aber eben weitgehend konfliktfrei, weil sie das nie gelernt haben, es ihnen fremd ist. Mit Versagen hat das überhaupt nichts zu tun. Haben unsere Grosseltern versagt, weil sie im anderen Extrem lebten und ihre Kinder prügelten? Nein, sie wussten es nicht besser und es hat 2 Generationen gedauert, um einen neuen Geist zu schaffen. Die junge Generation wird nur aus der Komfortzone kommen, wenn der Leidensdruck wächst, bis dahin amüsiert sie sich zu Tode…. mit Google Brillen, Chauffeurdiensten und weichgespülten Selfies auf allen Portalen der Welt. ich weiss nicht, ob ich ihr den Leidensdruck wünschen soll… aber ich entscheide das zum Glück auch nicht.