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Sascha Lobo und das Internet

Sascha Lobo gehört sicherlich zu den bekanntesten Köpfen in Deutschland, wenn es um das Internet und seine Entwicklung geht. Sich selbst bezeichnet er als eine Art Interneterklärer und in seinen Kolumnen hat er immer wieder

Sascha Lobo gehört sicherlich zu den bekanntesten Köpfen in Deutschland, wenn es um das Internet und seine Entwicklung geht. Sich selbst bezeichnet er als eine Art Interneterklärer und in seinen Kolumnen hat er immer wieder interessante Statements abgegeben, die häufig polarisierten. Heute veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in ihrer Print-Ausgabe einen sehr ausführlichen Beitrag Lobos mit dem Titel „Die digitale Kränkung des Menschens“. In diesem Feuilleton-Artikel beschreibt der Netz-Experte die Folgen der Geheimdienst-Überwachung im Internet und hat damit Recht und Unrecht zugleich.

Zweifelsohne sind die Überwachungsaktivitäten der Geheimdienste ein Zeichen dafür, dass in diesem unseren Internet nicht alles so rosig ist, wie es zunächst scheint. Gleichzeitig sind die Enthüllungen ebenjener Aktivitäten nicht der Untergang des Abendlandes, sondern vielmehr eine echte Chance für das Netz. Ich bin der Meinung, dass es auch heute noch wahnsinnige Möglichkeiten bietet, die oftmals auch schon genutzt werden.

Das Internet gibt seinen Nutzern eine potenziell sichtbare Stimme. Eine Stimme, die ihre Meinung frei äussern darf und dabei auf Zustimmung oder Ablehnung stoßen kann. Das ist mit oder ohne Überwachung durch die Geheimdienste möglich. Letztlich haben diese Möglichkeiten des Internets erst dazu geführt, dass es Whistleblower wie Edward Snowden überhaupt gibt. Stünde ihr Schicksal nicht ein Stück weit auch unter dem Schutz der Netzgemeinde und wäre dadurch nicht derart sichtbar und präsent, würde es sie vermutlich nicht geben. Sie haben uns gezeigt, dass staatlich oder politisch bedingte Ungerechtigkeit sich heute nicht mehr verstecken kann. Es hat nur leider zu lange gedauert, bis das Netz bereit für solche Enthüllungen war, sonst hätte man der Überwachung vielleicht noch frühzeitig Einhalt gebieten können.

Ich gebe Lobo Recht, dass man die Netzüberwachung der Geheimdienste durchaus als vierte Kränkung der Menschheit nach Sigmund Freud bezeichnen könnte. Es stimmt auch, dass wir die Ausmaße der Überwachung längst nicht erfasst haben, immer noch nicht verstanden haben, welche Daten, Informationen und Erkenntnisse die Geheimdienste dadurch erlangt haben. Letztlich muss man sich aber auch die Frage stellen, welche Folgen diese Erkenntnisse in einer demokratisch regierten Welt überhaupt haben können. Ich bin mir einigermaßen sicher, dass wir schon viel früher von der Überwachung wüssten, wenn die dadurch generierten Informationen missbraucht würden. Und wir alle sollten uns auch einmal Gedanken darüber machen, wie viele potenzielle Terror-Anschläge durch ebenjene Überwachung verhindert werden konnten. Sicherlich kann das keine Entschuldigung für das Ausmaß der Aktivitäten sein, aber immerhin ein nicht zu verachtender, daraus entstandener Vorteil.

Ich bin der Meinung, dass man die jetzige Situation nach den Enthüllungen als Chance wahrnehmen sollte. Als Möglichkeit, das Internet und seine Möglichkeiten schätzen und verteidigen zu lernen. Wir alle müssen unsere Konsequenzen daraus ziehen, laut aufschreien und aufklären. Wir müssen versuchen, der Menschheit zu lehren, welche Möglichkeiten uns das Internet bietet und aufzeigen, warum es sich lohnt ebendiese zu verteidigen. Bedauerlich ist nur, dass man die Thematik ausgerechnet in den USA deutlich entspannter sieht und politische Konsequenzen daher eher Wunschdenken sind.

Dennoch: Lasst uns die Freiheit und die Möglichkeiten des Internets verteidigen und nicht zuletzt auch politisch einfordern! Es bringt nichts, die Köpfe in den Sand zu stecken und zu kapitulieren. Das Netz ist auch heute noch das, was wir daraus machen. Es bietet unglaubliche Möglichkeiten, von denen die Generationen vor uns noch nicht einmal zu träumen wagten. Mit etwas Glück helfen uns all die Enthüllungen rund um die Überwachung sogar, genau dieses Potenzial zu erkennen und besser zu verstehen.

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.

Review overview
  • Tim Taler

    „Und wir alle sollten uns auch einmal Gedanken darüber machen, wie viele potenzielle Terror-Anschläge durch ebenjene Überwachung verhindert werden konnten.“

    Köstlich.

    • Daniel Fürg

      Ich glaube schon daran, dass die Überwachungsaktivitäten einen Einfluss darauf hatten, dass wir seit dem 11. September 2001 weitestgehend von größeren Anschlägen in den USA und in Europa verschont geblieben sind…

  • Frager

    sascha lobo beklagt die totale überwachung des internets – auf seiner homepage habe ich gerade mal so auf die schnelle 5 tracker (die kleinste form der überwachung) gefunden……herr lobo ist selber ein überwacher….
    auf dieser seite habe ich übrigens 3 gefunden…

    • Daniel Fürg

      Naja, ich würde Tools, die Seitenaufrufzahlen tracken jetzt nicht unbedingt als böse Überwachung bezeichnen… Da geht es ja nur um die Zahlen. Wir nutzen hier übrigens alle Möglichkeiten zur Anonymisierung der User.

      • Frager

        habe nichts von „böse“ geschrieben….;-))

        • Daniel Fürg

          Lobo und auch ich kritisieren aber ja eben genau diese „böse“ Überwachung…

          • Frager

            ich habe aber auch nicht „gut“ geschrieben – also grundsätzlich: was ist böse, was ist gut? wo fängt überwachung an, wo wird sie unerträglich?
            „Da geht es ja nur um die Zahlen“ 😉 harmlose „sammelwut“ oder der anfang der totalen überwachung??
            zahlen werden zur analyse verwendet – was für analysen?
            können die liste elendig weiter führen – bleibe dabei – wer trackt ist der kleinste/erste überwacher…..

          • Daniel Fürg

            Ich denke schon, dass man das abgrenzen kann. „Böse“ Überwachung beginnt dort, wo sie für den Einzelnen potenziell negative Folgen haben kann.

  • Klaus Hamm

    Hallo Daniel,
    zunächst mal ein großes Lob für Deinen wirklich tollen, informativen Blog!

    Bei den Diskussionen über PRISM & Co. vermisse ich immer Aussagen zu den Folgen bzw. Einschnitten, die diese Überwachung konkret auf den Einzelnen Nutzer hat. Was beispielsweise sollten NSA, BND oder welcher Nachrichtendienst auch immer von der Überwachung eben meines eigenen Rechners haben? Um welche persönlichen Daten von mir geht es? Was wird mit den gesammelten Daten angestellt? Und letztlich: wie wichtig sind mir denn der Schutz und die Geheimhaltung meiner Daten? Ob ein Nachrichtendienst meine Verbindungsdaten vom Handy aufzeichnet und weiß, wann ich wo mobil mit wem telefoniert habe – klar, es ist meine Privatsphäre – aber habe ich dadurch konkrete Nachteile? Mein Telefonanbieter weiß es doch auch zwangsläufig.

    Ich bezahle meine Einkäufe mit EC oder Kreditkarten, bezahle an der Tankstelle und im Hotel mit Karte.. meine Bank weiß wann ich wo war…
    Ich surfe durchs Internet (ohne TOR oder ähnliche Proxys) – mein Provider weiß, wann ich welche Seiten besucht habe…
    Wir laufen heute mit dem Smartphone durch die Welt, teilen unser Leben öffentlich via social networking, lassen uns via GPS orten und an unsere Ziele leiten.

    Dieser Komfort hat seinen Preis – aber wie hoch ist er denn? Was habe ich für Nachteile?

    Muss ich mich von dieser (möglichen) Überwachung tatsächlich bedroht fühlen?